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Lexikon der indogermanischen Verben
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Das Lexikon der indogermanischen Verben (LIV) ist ein etymologisches Wörterbuch der protoindogermanischen Verben. Es entstand unter der Leitung von Helmut Rix und wurde von Martin Joachim KĂŒmmel, Reiner Lipp, Brigitte Schirmer und Thomas Zehnder bearbeitet. Die erste Auflage erschien beim Dr.-Ludwig-Reichert-Verlag Wiesbaden im Jahr 1998, die zweite (ISBN 3-89500-219-4) im Jahr 2001; diese wird gewöhnlich als LIVÂČ abgekĂŒrzt.
Das Wörterbuch basiert zum GroĂteil auf dem Indogermanischen etymologischen Wörterbuch von Julius Pokorny, rekonstruiert die Wurzeln jedoch als erstes indogermanisches Wörterbuch ausschlieĂlich auf Grundlage der Laryngaltheorie.
Contents
âą Lemmata
âą Anhang
âą Quellen
âą Literatur
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Das Verbalsystem im LIVÂČ
Der grammatische Abriss des LIVÂČ vertritt die Hypothese, dass im Urindogermanischen zuerst eine Unterscheidung zwischen zwei Aktionsarten, nĂ€mlich telischen Verben (abgeschlossen: zum Beispiel *lĂ©hâp- âaufleuchtenâ) und atelischen (unvollendet, kontinuierlich: *bÊ°Ă©hâ- âglĂ€nzen, leuchten, scheinenâ), bestanden habe.
Es habe dann ein Ăbergang zu einem Aspektsystem mit den Hauptkategorien Aorist (perfektiv) und PrĂ€sens (imperfektiv) stattgefunden. Die telischen Verben wurden als Aorist interpretiert und das fehlende PrĂ€sens wurde z. B. durch ein n-Infix (zu *lehâp-: *lÌ„hâ-nĂ©-p-) oder verschiedene andere Suffixe (*lÌ„hâp-sឱé-) gekennzeichnet, die von Ă€lteren Aktionsartkategorien stammen. Die atelischen Verben wurden als PrĂ€sens interpretiert und der Aorist bisweilen durch das neu gebildete und immer in der Nullstufe stehende Suffix -s- gekennzeichnet.
Dieser Ansatz soll folgende PhÀnomene erklÀren:
âą Einige Verben bilden thematische WurzelprĂ€sentien (lat. dĆ«cĆ âich ziehe, fĂŒhreâ aus *dĂ©uÌŻk-) mit davon abgeleitetem s-Aorist (im Lateinischen Perfekt: dĆ«xÄ« âich habe gezogen, gefĂŒhrtâ, gesprochen dĆ«ksÄ«, aus *dĂ©uÌŻk-s-).
âą Andere dagegen bilden Wurzelaoriste (lat. vÄ«cÄ« âich habe gesiegtâ aus *uÌŻĂ©iÌŻk-) mit abgeleitetem PrĂ€sens (vincĂ©/Ăł- âich siegeâ aus *uÌŻi-n-k-ÂŽ).
âą Von telischen Wurzeln (also Aoristwurzeln) abgeleitete PrĂ€sensformen werden unterschiedlich gebildet (zum Teil sogar bei ein und demselben Verb wie in *lÌ„hâ-nĂ©-p- / *lÌ„hâp-sឱé-). Dies erklĂ€rt das LIVÂČ mit der Existenz unterschiedlicher alter Aktionsartkategorien, die alle im neu gebildeten PrĂ€sens aufgegangen seien.
Neben dem PrĂ€sens und dem Aorist setzt das LIVÂČ noch weitere Kategorien an, nĂ€mlich den Stativ, das Perfekt, den Kausativ-Iterativ, den Desiderativ, das Intensivum (wiederholte Realisierung), den Fientiv (Eintritt des Subjekts in einen neuen Zustand, also das âWerden zuâ) und den Essiv (Zustand des Subjekts, also das âSeinâ).
Lemmata
Der Wörterbuchteil enthÀlt zu jedem Lemma:
âą die Form der Verbalwurzel (als Ăberschrift fungierend)
âą die vermutete Bedeutung
⹠die rekonstruierten StÀmme in der Anordnung des Vorworts mit ihren Reflexen in den Tochtersprachen und im Anatolischen
âą umfangreiche FuĂnoten (Quellenangaben, Hinweise auf zweifelhafte und alternative Herleitungen etc.)
⹠Querverweise zu den entsprechenden Seiten im Indogermanischen etymologischen Wörterbuch
Anhang
Im Anhang finden sich ein rĂŒcklĂ€ufiger Wurzelindex, ein Index der rekonstruierten Stammbildungen und ein Index der einzelsprachlichen Wortformen.
Aufnahme und Kritik
âą Die Beleglage fĂŒr manche WurzelansĂ€tze wird von Elmar Seeboldcite-ref-seebold-1-0[1] als âungenĂŒgendâ angesehen, da zum Teil nur eine einzige Tochtersprache angegeben wird. Das LIVÂČ weist diese Kritik zurĂŒck, weil die EinschĂ€tzung der AnsĂ€tze aufgrund der Beleglage dem kundigen Leser ĂŒberlassen bleiben solle.cite-ref-2[2]
âą Michael Meier-BrĂŒggercite-ref-4[4] bezeichnet das Verbalsystem des LIVÂČ vorsichtig als âadĂ€quat und konsensfĂ€higâ, ohne allen Analysen von Helmut Rix im Einzelnen zustimmen zu wollen.
âą Benjamin W. Fortson IVcite-ref-5[5] nennt das LIVÂČ sehr ânĂŒtzlich und aktuellâ. Er erwĂ€hnt aber auch, dass einige Stellen strittig seien, ohne dies aber nĂ€her zu spezifizieren.
âą Donald Ringecite-ref-6[6] stellt fest, dass die im LIVÂČ vorgetragenen Hypothesen (er nennt sie zusammenfassend das âCowgill-Rix verbâ) weitgehend den gegenwĂ€rtig herrschenden Konsens widerspiegeln. Ringe wendet jedoch ein, dass einige der im LIVÂČ vorgelegten phonologischen Rekonstruktionen möglicherweise in dem einen Punkt nicht mit dem Konsens ĂŒbereinstimmen, dass sie âinsufficiently conservativeâ sind.
âą Denn das LIVÂČ stellt die Gegebenheiten durchweg deduktiv dar und erklĂ€rt den Belegstand dadurch, dass zuerst die Rekonstrukte angegeben werden und die Attestate, hĂ€ufig unter Hinzuziehung mehrerer Analogien, daraus abgeleitet werden. Die dargebotene DeduktivitĂ€t erleichtert zwar bisweilen die ErklĂ€rung der VorgĂ€nge, ist aber kein Teil einer strengen wissenschaftlichen und allein anzuwendenden und GĂŒltigkeit besitzenden Methode, die ausschlieĂlich induktiv vorgeht, vom Attestat ausgeht und nur vom Attestat aus die Rekonstrukte erschlieĂen kann. Dadurch sind die Wege zu neuen Erkenntnissen â und das ist mit âinsufficiently conservativeâ explizit gemeint â von vornherein weitestgehend versperrt. Das zeigt sich insbesondere darin, dass das LIVÂČ der Tatsache nicht Rechnung trĂ€gt, dass das Anatolische keine indogermanische Tochtersprache, sondern eine Schwestersprache des traditionellen Indogermanischen ist. Die sprachhistorisch weit Ă€lteren und fĂŒr das historische SprachverstĂ€ndnis weitaus aussagekrĂ€ftigeren Formen des Anatolischen werden bei dieser deduktiven Darstellung als âjĂŒngerâ und âdeterioriertâ angesehen. Nur wenig spĂ€ter erschienene Darstellungen, wie etwa die von Alwin Kloekhorst,cite-ref-7[7] bessern bereits etwa zwei Drittel dieser massiven Fehlbeurteilungen des LIVÂČ aus.
âą Beispiele fĂŒr Verbesserungen der Rekonstrukte im LIVÂČ-2001 durch Kloekhorst-2008: LIVÂČ, S. 136: heth. dÄi âlegtâ < *dÊ°Ă©-dʰohâ-ti, lautgesetzwidrig und verfehlt, vs. Kloekhorst, S. 806ff.: heth. dÄi-i âlegtâ < *dʰhâ-ĂłiÌŻ-eiÌŻ, lautgesetzlich und systemrichtig; LIVÂČ, S. 265: hamanki âbindet anâ < *hâmÌ„-nĂ©-Äʰ-ti, lautgesetzwidrig und verfehlt, vs. Kloekhorst, S. 278f.: heth. áž«amank-i âbindet anâ < *hâm-Ăłn-Äʰ-eiÌŻ, lautgesetzlich und systemrichtig; LIVÂČ, S. 398: heth. lÄki âlegt umâ < *logʰ-Ă©iÌŻe-ti, lautgesetzwidrig und verfehlt, vs. Kloekhorst, S. 514f.: heth. lÄk-i âlegt umâ < *lĂłgʰ-eiÌŻe-eiÌŻ, ohne das Suffix -eiÌŻe- lautgesetzlich und systemrichtig, also eigentlich < *lĂłgʰ-eiÌŻ.cite-ref-8[8]cite-ref-9[9] Die exakte (und als Tatsache zweifelsfrei feststehende) Gleichung von heth. lÄk-i mit (z. B.) nhd. legen ergibt sich nicht daraus, dass das LIVÂČ das hethitische Verb lÄk-i verfehlt rekonstruiert, sondern daraus, dass aus dem ursprĂŒnglichen regulĂ€ren athematischen Paradigma *lĂłgʰ_logʰ-Ă©- der âstarkeâ Teilstamm im Anatolischen direkt fortgesetzt ist, im Nichtanatolischen jedoch der âschwacheâ Teilstamm durch den Zusatz eines -iÌŻo-Suffixes flektierbar gemacht worden ist (also legen < *logʰ-Ă©- +-iÌŻo-). Ein korrekt, also induktiv beschrittener Rekonstruktionsweg wĂŒrde folglich fĂŒr heth. dÄi-i zu *dʰhâ-ĂłiÌŻ-eiÌŻ, fĂŒr heth. áž«amank-i zu *hâm-Ăłn-Äʰ-eiÌŻ und fĂŒr heth. lÄk-i zu *lĂłgʰ-eiÌŻ fĂŒhren, auf diese Weise â so wie von Kloekhorst-2008 beispielhaft vorgefĂŒhrt â die lautlichen und lautgesetzlichen Gegebenheiten beachten und vielleicht in eine Ringeâsche Formulierung âsufficiently progressiveâ mĂŒnden. Anders ausgedrĂŒckt hĂ€tte ein Jahrhundert nach der Entzifferung der hethitischen Sprache die commĆ«nis opiniĆ die stattdessen vorgetragenen RekonstruktionsansĂ€tze *dÊ°Ă©-dʰohâ-ti, *hâmÌ„-nĂ©-Äʰ-ti und *logʰ-Ă©iÌŻe-ti zumindest viel zielsicherer verwerfen mĂŒssen, zumal die in Kloekhorst-2008 vorgestellten lautlich korrekten Rekonstrukte als Meilensteine bei der erkenntnistheoretischen Weiterentwicklung der Hethitologie (und damit der gesamten Indoanatolistik) gelten mĂŒssen. Denn ein etymologisches Wörterbuch ist nicht nur allgemein der âRekonstruktionâ von Wörtern verpflichtet, sondern der ârichtigen Rekonstruktionâ (also der âwissenschaftlichen Wahrheitâ). Dieser unabdinglichen und unverhandelbaren Verpflichtung kommt das LIVÂČ gerade in diesen wichtigen und entscheidenden rekonstruktionellen FĂ€llen nicht nach. Bei den kloekhorstschen AnsĂ€tzen *dʰhâ-ĂłiÌŻ-eiÌŻ, *hâm-Ăłn-Äʰ-eiÌŻ und (ohne *-eiÌŻe-) *lĂłgʰ-eiÌŻ liegen nĂ€mlich keine sonst weiter unbedeutenden EinzelfĂ€lle vor, sondern es handelt sich um Pilotwörter fĂŒr umfangreiche Verbalklassen und -kategorien mit deutlichen Hinweisen auf die Herkunft und Beschaffenheit der anatolischen áž«i-Verben und damit letztlich auf die Gesamtbeschaffenheit des verbalen Corpus der ganzen indoanatolischen Sprachfamilie.
âą Mit der rekonstruktionellen Beschreibung der PrimĂ€rstĂ€mme wird bisweilen sehr unbefangen umgegangen. So finden sich beispielshalber auf S. 21 als Charakterisierung des Perfekts die pauschalen Behauptungen: âWurzel o-stufig und betont im Singular von Indikativ/Injunktiv und im Konjunktiv, sonst schwundstufig und unbetont (betont sind dann Endungen oder SekundĂ€rsuffix), Reduplikationssilbe stets mit e und unbetont âŠâ Die einschlĂ€gigen in den Einzelsprachen (und daher auch in der Grundsprache) gewöhnlich sehr hĂ€ufig auftretenden Reduplikativvarianten werden nicht erwĂ€hnt, z. B. (alle Beispiele ai.) (1) -Ä- in jÄgĂĄra, Perfekt zu grÌ„ âaufwachenâ, tÄtrÌ„áčŁĂșr, Perfekt zu trÌ„áčŁ âdĂŒrstenâ oder vÄvĂĄrta, Perfekt zu vrÌ„t âsich drehenâ; (2) Resonant in didvĂ©áčŁa, Perfekt zu dviáčŁ âhassenâ oder tutĂłda, Perfekt zu tud âstoĂenâ (gestĂŒtzt durch gleichbedeutend lat. tutudáż); bzw. (3) Null in vĂ©da, Perfekt zu vid âwissenâ (gestĂŒtzt durch gleichbedeutend griech. ÎżáŒ¶ÎŽÎ±) oder khidvÄÌáčs, Partizip Perfekt zu khid âzerreiĂenâ.cite-ref-10[10] Es ist davon auszugehen, dass variierende Perfekt-Reduplikativvarianten auch in anderen Einzelsprachen vorliegen, z. B. -Ä- in nhd. tat vs. -i- in ne. did, -o- in tocharisch A kaknu B kekenu âgewordenâ aus (Pz.Pf.) *Äo-ÄĂłnhâ-uÌŻ(o)s oder tocharisch A wasu âgetragen (von Kleidung)â aus (Pz.Pf.) *uÌŻo-uÌŻĂłs-uÌŻ(o)s sowie Null in tocharisch B wikau âverschwundenâ oder srukau âgestorbenâ. Die Erscheinung, dass die Beschaffenheit eines Reduplikativ-Vokals grundsĂ€tzlich unvorhersehbar ist, ist bereits im wurzelreduplizierenden WurzelprĂ€sens (LIVÂČ-Typ 6) angedeutet. Im Altindischen erscheinen zur Wurzel gwem âkommenâ neben ganz ursprĂŒnglichem jĂĄáč
ganti bereits die Reduplikativvarianten mit -áž- (jÄÌganti) und -Ăł- (gĂĄn-Ä«-ganti), letzteres zusĂ€tzlich mit prosodisch eingefĂŒgtem -Ä«-. Innerhalb eines Paradigmas wechseln die Reduplikativvarianten (mit Ausnahme des Akzentes) nie ihre lautliche Beschaffenheit; sie halten das Paradigma stets wie mit einer Klammer zusammen. Allen diesen wichtigen eindeutig attestierten Erkenntnissen wird im LIVÂČ nicht weiter Rechnung oder ErwĂ€hnung getragen. Die erforderliche BerĂŒcksichtigung, prĂ€zise Besprechung und sinnvolle rekonstruktionelle Einordnung gerade variierender Ausfertigungen einer sprachlichen Erscheinung aber sind im Gegensatz zur im LIVÂČ angewendeten Verfahrensweise, alles ĂŒber einen einzigen Kamm zu scheren (âReduplikationssilbe stets mit eâ), ein unabdingbares und unverhandelbares Muss.
âą Ebenso ist der als perfekt-typisch angesehene Wurzelvokal -Ăł- zwar recht hĂ€ufig; es gibt allerdings im Perfekt â gerade auch im ursprĂŒnglicheren semantischen Bereich, nĂ€mlich dem (Zustands-)PrĂ€sens â auch weitere Aufstufungsvokale, z. B. (1) -áč- in griech. ÎłÎÎłÏΜα âich lasse mich vernehmenâ oder ΔጎÏΞα âich bin gewohnt, pflegeâ; (2) Null in griech. ÎŽÎÎŽÎčα âich fĂŒrchteâ oder ÎČÎÎČÏÏ
Ïα âich röhreâ; (3) Resonantendehnung in griech. ÎŒÎÎŒáżĄÎșα âich brĂŒlleâ;cite-ref-11[11] bzw. (4) -ÄÌ- in griech. áŒáŸ±ÎłÎ± âich bin zerbrochenâ. Ferner erklĂ€rt das LIVÂČ die fĂŒrs Perfekt typische Akzentverteilung, -e- / -Ăł-, nicht, welche scheinbar den Regeln der Akzent-Ablaut-Zuordnung widerspricht; jedoch ist der Aufstufungsvokal immer betont, unabhĂ€ngig von seiner Lautsubstanz, was regelhaft die Unbetontheit des Reduplikativs nach sich zieht, ebenfalls unabhĂ€ngig von seiner Lautsubstanz. Die im LIVÂČ angegebene (und angebliche) kwetuÌŻĂłres-Regel (aus dem Zahlwort fĂŒr vier) ist gegenstandslos, da das LIVÂČ nicht gleichzeitig *dÊ°Ă©-dʰohâ-ti (S. 16 und 136) oder kwĂ©r-kwor-ti (S. 24 und 391) angeben dĂŒrfte. Hinsichtlich des âĂŒber-einen-Kamm-Scherensâ gilt die fĂŒr die Reduplikativvarianten angefĂŒhrte Kritik ebenso fĂŒr die attestierten stark variierenden Ablautstufen der Wurzel (âWurzel o-stufigâ; gemeint ist auch hier stets).
âą Die âmoderneâ Unterscheidung zwischen telisch und atelisch ist ĂŒberflĂŒssig, da die traditionellen Termini Aorist und perfektiv (einmalige Augenblickshandlung; âabgeschlossenâ; daher nicht primĂ€rendungsfĂ€hig) vs. PrĂ€sens und imperfektiv (Dauerhandlung oder wiederholte Handlung; âunvollendetâ; daher primĂ€rendungsfĂ€hig) das verbale Kategoriensystem (zusammen mit dem in ihm beheimateten Aspektsystem) der Grundsprache bereits ausreichend beschreiben.cite-ref-12[12] UrsĂ€chlich fĂŒr dieses ausgeprĂ€gte, antagonistische und fĂŒr das Verbalsystem der urindoanatolischen Grundsprache basistypische Aspektsystem ist die Tatsache, dass jede verbale Wurzel (letztlich als untrennbaren Teil ihrer semantischen Bedeutung) entweder die genannte inhĂ€rente Zusatzbedeutung perfektiv (punktuell; âAugenblickshandlungâ; âAoristwurzelâ) oder imperfektiv (durativ; âDauerhandlungâ; âPrĂ€senswurzelâ) aufweist. PrĂ€senswurzeln (deren bedeutendste Vertreter *hâes âseinâ und *hâeiÌŻ âgehenâ sind) sind dabei immer intransitiv; Aoristwurzeln sind gewöhnlich transitiv, können aber auch intransitiv sein (*hâuÌŻes âaufleuchtenâ; *gwem âeinen Schritt tunâ).
âą In seiner Griechischen Grammatik von 1976 formuliert Helmut Rixcite-ref-13[13] (S. 205) einen der bedeutendsten SĂ€tze der Historischen Sprachwissenschaft: Die athemat. Bildungen sind typologisch und ⊠historisch Ă€lter als die thematischen. Rix unterfĂŒttert den Vorgang mit ĂŒberzeugenden Beispielen, in denen gezeigt wird, wie ein ursprĂŒngliches athematisches Paradigma zu einem thematischen wird: Der Vokal der (athem.) 3pl.-Endung Ă©nti wird im ganzen Paradigma in einer Weise durchgefĂŒhrt, dass er zwischen Stamm und (dann allen ĂŒbrigen) Endungen eingefĂŒgt wird. PrĂ€gnant lĂ€sst sich der Vorgang so beschreiben: Eine athematische Henne legt ein thematisches Ei. Rixâ vorgetragene Beispiele sind sehr plastisch und beeindruckend: athem. ai. ĂĄrek : them. griech. áŒÎ»ÎčÏÎżÎœ < athem. lĂ©iÌŻkw_likw-ÂŽ : likw-Ăł- âverlassenâ; athem. ai. yunĂĄjmi : them. lat. iungĆ < athem. (hâ)iÌŻu-nĂ©-g_(hâ)iÌŻu-n-g-ÂŽ : (hâ)iÌŻu-n-g-Ăł- âverbindenâ; athem. griech. ጔÏÏηΌÎč : them. lat. sistĆ < athem. sti-stĂ©hâ_sti-sthâ-ÂŽ : sti-sthâ-Ăł- â(sich) stellenâ; bzw. athem. lat. Äst : them. lat. edit < hâážd_hâĂ©d- : hâĂ©d-o- âessenâ. Beim Vorgang bleiben beide Paradigmen bestehen, sowohl die athematische Henne als auch das thematische Ei, bisweilen sogar nebeneinander in derselben Einzelsprache (lat. Äst neben edit). Dieser in allen Sprachen der Welt, nur im nichtanatolischen Zweig des (neuerdings zunehmend allgemein akzeptierten, vgl. oben Schwestersprache) Ur-Indo-Anatolischen wohl einmalige Entwicklungsprozess erbringt fĂŒr die Historische Sprachwissenschaft einen ungewöhnlich groĂen Zuwachs an Wissen. Seine Erkenntnis erlaubt es, fĂŒr die Grundsprache zwei Stufen anzunehmen, eine jĂŒngere thematische und eine Ă€ltere athematische, eine Annahme, die gerade durch das Anatolische prĂ€zise zertifiziert wird, das die âSprachstufe thematischâ nicht ganz erreicht. Bedauerlicherweise verzichtet Rix im LIVÂČ vollstĂ€ndig und radikal auf dieses ganze neue Wissen; mit seiner Aussage (S. 12f.) Die Frage der Thematisierung ist zwar oft fĂŒr konkrete FĂ€lle, aber offenbar noch nie monographisch fĂŒr eine Einzelsprache oder gar fĂŒr die gesamte Indogermania untersucht worden. Es ist nicht auszuschlieĂen, daĂ eine solche Untersuchung gewisse RegularitĂ€ten oder Beinahe-RegularitĂ€ten feststellt, die heute nicht erkennbar sind. Im LIV wird mit dem Begriff der Thematisierung recht unbefangen umgegangen konterkariert sich Rix (Griechische Grammatik!) selbst.
âą Der Thematisierungsprozess Ă€uĂert sich in drei Formen, einer ursprĂŒnglichen athematischen und zwei sich daraus entwickelnden, der weiter bestehenden athematischen und der neuen thematischen. Der Vorgang lĂ€sst sich graphisch in so genannten Thematisierungsdreiecklein darstellen. Deren Weiterentwicklung fĂŒhrt zur Beantwortung der Frage, wie der Aorist zum PrĂ€sens wird, zur ErschlieĂung (z. B.) des Kausativs, zu einer absolut und völlig widerspruchsfreien sprachhistorischen Eruierung der anatolischen áž«i-Verben (von der man annehmen sollte, eine solche gehörte auch in ein umfassendes, mit dem Verbum befasstes Gesamtwerk wie das LIVÂČ) und zu einer regelgehorsamen Rekonstruktion des gesamten Nominalbereichs. Neben den anatolischen áž«i-Verben gibt es im grundsprachlichen Verbalbereich auch noch andere Problemgebiete, die besonders knifflig sind und von denen man annehmen mĂŒsste, sie wĂŒrden in einem solchen Werk behandelt (zumal sie hervorragendes weiterfĂŒhrendes Wissen erbringen). Eine solche (verbale!) Problematik beschreibt z. B. Jasanoff (2003, S. 153) (es handelt sich hierbei um den indoiranischen Passivaorist): The origin of the apophonically anomalous 3.sg. in -i is a mystery. In Wirklichkeit liegt ein einfaches Thematisierungsdreiecklein vor: athem. ai. dhÄÌyi : them. ai. dháżyĂĄte < athem. *dÊ°Ăłhâ-i_dʰhâ-i-ÂŽ : them. ai. *dʰhâ-i-Ăł- âgelegt werdenâ. Alleine die Tatsache, dass solche Problematiken wie die des iir. Passivaorists im LIVÂČ gar nicht erst vorkommen, geschweige denn rekonstruktionell solide und rational behandelt werden, spricht nicht fĂŒr das LIVÂČ.
âą Dabei kommt dieser rekonstruktionellen EinschĂ€tzung von ai. dhÄÌyi : them. ai. dháżyĂĄte < athem. *dÊ°Ăłhâ-i_dʰhâ-i-ÂŽ : them. ai. *dʰhâ-i-Ăł- âgelegt werdenâ besondere Bedeutung zu, und zwar im Lichte von Kloekhorsts Rekonstruktion (s. oben; so dort S. 808) von heth. dÄi_tianzi âlegtâ < *dʰhâ-ĂłiÌŻ-eiÌŻ_dʰhâ-i-Ă©nti (ohne die Endungen also *dʰhâ-ĂłiÌŻ_dʰhâ-i-ÂŽ). Die lautliche Beschaffenheit der Rekonstrukte zeigt, dass es sich bei heth. dÄi-i âlegtâ und ai. dhÄÌyi âwird gelegtâ um eine direkte Gleichung handelt, mit einem lautlich identischen âschwachenâ Teilstamm und einem identischen Aufstufungsvokal -Ăł-, allerdings mit unterschiedlicher âTrefferflĂ€cheâ (heth. im Suffix; ai. in der Wurzel). Lautliche IdentitĂ€t eines Rekonstrukts aus verschiedenen Einzelsprachen ist aber das eigentliche Ziel jedes Rekonstruktionsversuches, zumal wenn dieser in den beiden als höchstarchaisch geltenden Sprachen der urindoanatolischen Sprachfamilie gelingt. Da das Anatolische die Sprachstufe âthematischâ nicht ganz erreicht, gibt es dort keine Thematisierungsdreiecklein. Bei der Verwendung des -iÌŻo-Suffixes (zusammen mit den Medialendungen) als allgemeines, geneuertes Passiv einheitlich fĂŒr alle VerbalstĂ€mme und -klassen handelt es sich um ein SpezialphĂ€nomen des Indoiranischen, dem im LIVÂČ nicht Rechnung getragen wird.
âą In gar keiner Weise bekannt ist die Erscheinung, dass im griechisch-armenisch-phrygisch-indoiranischen Isoglossenband das Imperfekt als Aorist verwendet wird (natĂŒrlich ohne einer zu sein; vgl. griech. áŒÏη âer sagteâ,cite-ref-14[14] armen. eber âer trugâ oder griech. ΔጶÏÎżÎœ = ai. ĂĄvocam âich sagteâ (PrĂ€sensstĂ€mme wegen der reduplizierten Bildung)). Das Thematisierungsdreiecklein weist den indoiran. Passivaorist (also z. B. Injunktiv ai. dhÄÌyi âer wird gelegtâ; PrĂ€sensstamm wegen des -i-Suffixes) als weiteres Beispiel fĂŒr diese auĂergewöhnliche Besonderheit aus.
âą Der Ansatz einer Kategorie âEssivâ ist ĂŒberflĂŒssig und lautlich nicht möglich. Bei den Standardbeispielen etwa nhd. leben (S. 408; german. *lib- aus *lip-ÂŽ; Wurzel *leiÌŻp) und wohnen (S. 682; german. *uÌŻun- aus *uÌŻnÌ„H-ÂŽ; Wurzel *uÌŻenH) erscheint es gĂ€nzlich ausgeschlossen, dass ein -iÌŻ-haltiges Suffix (S. 25: *-hâiÌŻĂł-) eine lautliche Senkung des Wurzelvokals von -i- zu -e- bzw. -u- zu -o- bewirkt haben soll. Die gesamte traditionelle Literatur weist als Ursache fĂŒr diese Senkung das Suffix -ehâ- (> -Ä-, dann z. B. westgerman. -ÇŁ-) auf. Der semantische Bereich wird von der Kategorie âFientivâ zumindest lautlich voll abgedeckt bzw. mit eingeschlossen. Man vermag nicht zu erkennen, welche aktionsarttechnische Differenz etwa zwischen lat. manÄre âbleibenâ (S. 437; *men-Ă©hâ-; vom LIVÂČ zum Fientiv gerechnet) und den genannten german. (âEssivâ-)Beispielen leben und wohnen bestehen soll. Entsprechend kommentiert Jasanoff (2003, S. 156, Anm. 23(3)) die Nutzlosigkeit der AnsĂ€tze etwa des âEssivsâ wie folgt: Nothing is gained by inventing ad hoc and redundant categories like âEssivâ and âFientivâ, which in no way capture their full range of meanings.
âą Der grundsprachliche Stativ wird im LIVÂČ sehr stiefmĂŒtterlich behandelt (Typen â1câ und â1dâ). In Wirklichkeit ist er in der Grundsprache (neben dem Faktiv, der sich zum Aorist, PrĂ€sens und Perfekt entwickelt) eine der beiden ursprĂŒnglichen Basis-Aktionsarten. Als diese dĂŒrfte er den mit dem Faktiv identischen Ablaut âstarkâ -Ă©- und âschwachâ -Null-ÂŽ aufgewiesen haben. Er zeigt aber durchgehenden -Ă©-Ablaut (LIVÂČ-Typ 1d; S. 15), wĂ€hrend das dem Faktiv beigeordnete Medium typischerweise durchgehende Nullstufe zeigt. Es ist naheliegend, dass diese Erscheinungen Ergebnis einer Paradigmenspaltung sind, bei der im weiterbestehenden Stativ im ganzen Paradigma die -Ă©-Stufe und beim âabgegebenenâ Medium im ganzen Paradigma die Nullstufe durchgefĂŒhrt wurde. Der im Anatolischen sehr hĂ€ufige durchgehend nullstufige Stativ wĂ€re in diesem Falle ein Medium, das gewissermaĂen keinen Faktiv-Stamm gefunden hĂ€tte, mit dem es sich paradigmatisch hĂ€tte zusammenschlieĂen können (LIVÂČ-Typ 1c; S. 15; dort nur, allerdings in die richtige Richtung gehende MutmaĂungen).cite-ref-15[15]
âą Innerhalb des Stativ-Bereichs gibt es eine gut bezeugte Nartenisierung (d. h. Ablaut âstarkâ -áž- und âschwachâ -Ă©-) ai. ÄstÄ griech. ጧÏÏαÎč âsitztâ < *hâážs mit im gesamten Paradigma durchgefĂŒhrter -áž-Stufe. Das LIVÂČ wirft fĂŒr diese Bildung (S. 232) das Rekonstrukt *hâĂ©hâs aus, bemerkt aber dazu ungewöhnliche Wurzelstruktur; ĂŒberdies wĂ€re ein Reduplikativ bei einer Stativwurzel ebenfalls sehr ungewöhnlich. GĂ€lte die angegebene Paradigmenspaltung auch fĂŒr die Narten-Bildung, mĂŒsste es formal mediale StĂ€mme mit -Ă©-Ablaut geben. TatsĂ€chlich gibt es nicht wenige, z. B. im LIVÂČ, S. 398, griech. áŒÎ»Î”ÎșÏÎż âlegte sich hinâ < *lĂ©gʰ-<t>o. Die dort geĂ€uĂerte Vermutung âs-Aorist ohne sâ ist in sich widersinnig. Ein rein formaler, aber direkter (und bei nĂ€herem Hinsehen vollkommen offensichtlicher) Zusammenhang zwischen (z. B.) ጧÏÏαÎč und áŒÎ»Î”ÎșÏÎż hinsichtlich der vorliegenden Stammbildung und der vor sich gehenden Paradigmenspaltung wird nicht hergestellt, sehr weit weiterfĂŒhrend fĂŒr das VerstĂ€ndnis des grundsprachlichen Stativs wie er wĂ€re.
âą Schon ganz zu Anfang des 20. Jahrhunderts mahnte Ferdinand de Saussure an, dass die Junggrammatiker trotz ihrer hervorragenden Leistungen nur eine vorlĂ€ufige Darstellung der rekonstruierten Grundsprache eingeliefert haben: Jedoch so groĂ die Verdienste dieser Schule waren, so kann man nicht sagen, dass sie die Frage in ihrer Gesamtheit aufgehellt hĂ€tte, und noch heute harren die Grundprobleme der allgemeinen Sprachwissenschaft einer Lösung.cite-ref-16[16] In diesem Zusammenhang stellt fĂŒr den verbalen Bereich Wolfgang Meid die (von Meid selbst âeigentlichâ genannte) Frage: Wie wird der Aorist zum PrĂ€sens? und verdeutlicht sie mit dem Zusatz Wie wird die Einmaligkeit zur Wiederholung?cite-ref-17[17] Meids Fragestellung deutet auf den LIVÂČ-Typ 6 (S. 24), bei dem eine (nicht primĂ€rendungsfĂ€hige) Aoristwurzel wiederholt wird; die rein formale Wiederholung fĂŒhrt zu einem (primĂ€rendungsfĂ€higen) PrĂ€sensstamm. Diese rein formale und lautliche sprachliche Wiederholung einer Aoristwurzel fĂŒhrt so zum eigentlich ĂŒberraschenden PhĂ€nomen der einfachen und sprachnatĂŒrlichen Bildung von PrĂ€sensstĂ€mmen aus Aoristwurzeln und zur Entstehung einer weiteren imperfektiven Kategorie (iterativ; âwiederholte Handlungâ; âPrĂ€sensstamm von einer Aoristwurzelâ). Im LIVÂČ wird auf dieses Kernproblem (die Antwort auf Meids Frage Die Einmaligkeit wird zur Wiederholung, indem man etwas Einmaliges wiederholt, ein Vorgang, der im LIVÂČ-Typ 6 vorliegt, ist unwiderlegbar und könnte zur Lösung von de Saussures Grundproblemen beitragen) nicht eingegangen, und zwar obwohl von der urindoanatolischen Grundsprache bis heute einer groĂen Ăberzahl von ursprĂŒnglichen Aoristwurzeln eine groĂe Ăberzahl von gerade zu Aoristwurzeln gehörigen PrĂ€sensstĂ€mmen gegenĂŒbersteht. Der Vorgang der Wurzelwiederholung, der eine Aoristwurzel primĂ€rendungsfĂ€hig macht, ist dabei so schlĂŒssig, dass man ihn aus rein theoretischen Ăberlegungen so erschlieĂen und ansetzen mĂŒsste, wenn er nicht attestiert wĂ€re. Er ist aber, wie der LIVÂČ-Typ 6 zeigt, mehrhundertfach so belegt. Eines der Standardbeispiele, ai. mĂĄrmartu! âsoll zermalmen!â aus *mĂ©l-molhâ-tu!, erklĂ€rt den wurzelhaften -o-Vokalismus in (jeweils gleichbedeutend) heth. malla-i, lat. molere und nhd. mahlen und legt eine regelgerechte Aufgabe des Reduplikativs in den auĂerindoiranischen Folgeformen nahe.
âą Wegen des Ă€uĂerst hohen Anspruchs und des sehr kĂŒhnen Unterfangens, kompilatorisch das verbale Gesamtmaterial einer sehr ausgedehnten und in verhĂ€ltnismĂ€Ăig vielen sehr archaischen historischen Stufen vorliegenden Sprachfamilie rekonstruktionell zu erfassen, ist das LIVÂČ grundsĂ€tzlich sehr anfĂ€llig fĂŒr alle Arten von Kritik. Das eigentliche Hauptverdienst des LIVÂČ ist es jedoch, dass es deutlich aufzeigt, dass die Disziplin einen gewaltigen Forschungs-, Verbesserungs- und Fortschrittsbedarf hat (was von den Verfassern selbst auch eingerĂ€umt wird). Allerdings war auch bereits im Jahr 2001 schon deutlich abzusehen, dass das Anatolische keine Tochtersprache, sondern eine Schwestersprache des Urindogermanischen ist, und dass beide eigenstĂ€ndigen Sprachzweige, das Uranatolische (engl. Proto-Anatolian; PA) und das Urindogermanische (engl. Proto-Indo-European; PIE), gleichberechtigte Tochtersprachen des Urindoanatolischen (engl. Proto-Indo-Anatolian; PIA) sind, wobei im Vergleich das Uranatolische noch archaischere Sprachmerkmale aufweist, die (vgl. oben die Beispiele zu LIVÂČ vs. Kloekhorst) allerdings vom LIVÂČ nicht wahrgenommen bzw. sogar unterdrĂŒckt werden. Im Prinzip dĂŒrfte sich folglich der zwar nicht veraltete, aber nicht mehr im ursprĂŒnglichen Sinn zutreffende Begriff indogermanisch gar nicht erst im Titel finden, weil er tatsĂ€chlich nur die eine und sogar weniger archaische HĂ€lfte des existierenden historischen Sprachmaterials umfasst. GrundsĂ€tzlich ist die NichtberĂŒcksichtigung neuerer Literaturcite-ref-18[18] dem LIVÂČ dann anzulasten, wenn die Erkenntnisse dieser moderneren Literatur in ihren wesentlichen Einzel-Aussagen bereits vor 1998/2001 publiziert waren.
âą Als hauptsĂ€chlicher Kritikpunkt lĂ€sst sich die Feststellung treffen, dass das LIVÂČ im Gesamtbereich der hethitischen Verben die Ă€lteren (athematischen!) Formen aus jĂŒngeren (thematischen!) Formen herleitet. Paradebeispiel ist die Behandlung von lÄk-i âlegt umâ, das auf jĂŒngeres *logʰ-Ă©iÌŻe-ti zurĂŒckgefĂŒhrt wird (auf das (z. B.) legen zurĂŒckgeht). Bei lĂłgʰ_logʰ-ÂŽ: logʰ-Ă©- handelt es sich jedoch um ein Thematisierungsdreiecklein, dessen Entwicklungsregeln seit Rixâ Griechischer Grammatik (1976) feststehen, wobei die (gĂ€ngige) Themavokal-Variante â-Ă©-â eine (hĂ€ufige) Zwischenstufe zwischen dem athematischen Ausgangspunkt â-ÂŽâ und dem thematischen Endpunkt â-Ăł-â darstellt. *logʰ-Ă©iÌŻe-ti (eigentlich *logʰ-Ă©- +-iÌŻo-) ist hierbei sozusagen âdoppelt thematisiertâ; es muss daher als extrem jung gelten. Das LIVÂČ verfĂ€hrt hier so, als wĂŒrde man vergleichsweise eine althochdeutsche Wortform aus einer neuhochdeutschen herleiten. In Wirklichkeit ist es stets und niemals vorher bestritten so, dass die jĂŒngeren Formen im Verlaufe der stattfindenden evolutiven Entwicklung aus den Ă€lteren hervorgehen. Das LIVÂČ geht in allen diesen FĂ€llen genau umgekehrt vor. Da diese Verfahrensweise in der Historischen Sprachwissenschaft einmalig ist, handelt es sich hierbei um einen nicht entschuldbaren Kardinaldefekt.
âą Die Hochdefizienz der Verfahrensweise ist natĂŒrlich der internationalen wissenschaftlichen Fachwelt nicht verborgen geblieben und wird entsprechend in ungewöhnlicher SchĂ€rfe gegeiĂelt. So verlautet Jasanoff (2003, S. 14): Eichner's ad hoc explanation of the âtertiaryâ type lÄÌk- ⊠will not stand scrutiny. His claim that iterative-causatives of the type *logʰ-Ă©iÌŻe/o- were induced by their o-vocalism to become athematic, ablauting áž«i-verbs is literally incredible ⊠I know of no other case in an IE language in which the root vocalism of a morphological class was sufficient to trigger a wholesale switch in inflection and stem structure. The change of *logʰ-Ă©iÌŻe/o-, a thematic stem with a âheavyâ suffix and no paradigmatic ablaut, into a suffixless ablauting áž«i-verb would have been comparable e. g. to the replacement of the Germanic weak verb *lagjan âlayâ by a preterito-present *lag : *lÄgun (or lugun). Even under the step-by-step-scenario presented by Oettinger (1992: 229ff.), it is simply beyond belief that so bizarre a remodelling of a large and productive class could have taken place in the Proto-Anatolian of the third millennium BC.
âą Ebenso bezeichnend ist die Behandlung der Nasalinfigierungen durch das LIVÂČ: Das Hethitische weist mindestens fĂŒnf ursprĂŒngliche Möglichkeiten auf, einen -n-infigierten âstarkenâ Teilstamm zu bilden: -Ă©n-, -nĂ©n- -nĂ©-, -Ăłn- und -nĂł- (Kloekhorst-2008, S. 152ff.; Zitat zu -Ăłn- und -nĂł-: Since these áž«i-verbs can hardly have been created secondarily (there is no model in analogy to which they could have been formed), we must assume that they are archaic). Von diesen fĂŒnf archaischen Möglichkeiten ist im gesamten Nichtanatolischen nur eine einzige (-nĂ©-; kann allerdings auch -nĂł- sein) ĂŒbriggeblieben, und diese nur in einer einzigen Einzelsprache, dem Indoranischen. Das LIVÂČ nimmt diese einzige als allein ursprĂŒnglich an und zwĂ€ngt die Ă€lteren, archaischen Formen gegen die von den Lautgesetzen zwingend erforderten Regeln âanalogischâ unter diese, dreht also auch hier die Richtung der Sprachentwicklung einfach um (vgl. oben die rekonstruktionelle Richtigstellung durch Kloekhorst-2008, S. 278f., von áž«amank-i âbindet anâ). Die angenommene Hocharchaik solcher Nasalinfigierungen mit z. B. -Ăłn- wird auch dadurch gestĂŒtzt, dass sie vereinzelt (und dann unerklĂ€rt) als âRestbildungâ auch anderswo auftritt, z. B. in lat. longus, nhd. lang < *dl-Ăłn-hâgʰ +-o- von einer Wurzel *delhâgʰ / dlehâgʰ, die in der Nullstufe etwa in glbd. ai. dÄ«rghĂĄ- < *dlÌ„hâgʰ-Ăł- greifbar ist (Kloekhorst-2008, S. 820: âpetrified pairâ). Genau diese Nullstufe liegt auch z. B. im lateinischen (Stativ-)Verbum indulgÄre 'frönen' (ursprĂŒngliche Bedeutung etwa 'LĂ€nge in sich haben'; im LIVÂČ, S. 113, wird dieser Bezug nicht hergestellt und die dort anders angenommene semantische Verbindung mit ungewiĂ und bedĂŒrfte noch der KlĂ€rung kommentiert) vor. Die NichtberĂŒcksichtigung des wurzelinhĂ€renten hâ (gesichert in ai. dÄ«rghĂĄ-, griech. áŒÎœÎŽÎ”λΔÏÎźÏ und wohl auch in heth. taluki-) fĂŒhrt im LIVÂČ zu einer nicht nur semantisch, sondern auch rein formal nicht haltbaren Zuweisung des Verbs zur Wurzel *delÄʰ 'fest werden'.
âą Die Literatur, die das LIVÂČ am substanziellsten kritisiert und die dargelegten Defizienzen sehr weitgehend ausbessert, nĂ€mlich neben Jasanoff-2003 und Kloekhorst-2008 insbesondere Mailhammer-2007,cite-ref-19[19] ist zwar zeitlich spĂ€ter, aber noch im selben Jahrzehnt, erschienen. Die darin bekanntgemachten neuesten Forschungsergebnisse und dargestellten Entwicklungs-Szenarien hatten jedoch in allen FĂ€llen einen langen wissenschaftstechnischen Vorlauf, d. h. die dort vertretenen modernen Ansichten waren in ihren wesentlichen Teilen bereits sehr lange vorher in Einzelmonographien etc. publiziert. Zusammenfassend lĂ€sst sich also sagen, dass das LIVÂČ durchaus einige bedeutende Weiterentwicklungen und Richtigstellungen im Bereich des urindoanatolischen Verbalmaterials (z. B. aus Jasanoff-2003, Mailhammer-2007 und Kloekhorst-2008) hĂ€tte antizipieren und sinnvoll in die Gesamtdarstellung hĂ€tte einbringen können. Stattdessen wird das gesamte, die neuesten und aktuellsten Erkenntnisse einbringende state-of-the-art-Schrifttum trotz dessen offenkundigen Vorliegens auĂer Acht gelassen. In ganz ungewöhnlicher Deutlichkeit in Hinsicht auf Kritik verwendete Begriffe wie perversely consistent (Jasanoff (2003, S. 76, Anm. 30)), die auf eine ganze Reihe von im LIVÂČ behandelten rekonstruktionellen Sachverhalten zutreffen, hĂ€tten sich auf diese Weise von vornherein vermeiden lassen können. Die vollstĂ€ndige Akzeptanz der vorher heftig umstrittenen Laryngalhypothese bleibt jedoch ein dauerhaftes Verdienst der Verfasser des LIVÂČ.
Quellen
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Literatur
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âą Addenda und Corrigenda zu LIVÂČ. HTML-Version. Letzte Ănderung: 3. Februar 2015.
âą Julius Pokorny: Indogermanisches etymologisches Wörterbuch. 2 Bde. Francke, Bern/MĂŒnchen 1947â66 (1. Aufl.), 2005 (5. Aufl.). ISBN 3-7720-0947-6
Ă€hnliche Lexika
⹠George E. Dunkel (Hrsg.): Lexikon der indogermanischen Partikeln und PronominalstÀmme (LIPP). UniversitÀtsverlag Winter, Heidelberg 2014.
⹠Dagmar S. Wodtko, Britta Irslinger und Carolin Schneider (Hrsg.): Nomina im Indogermanischen Lexikon (NIL). UniversitÀtsverlag Winter, Heidelberg 2008.